Massengutschifffahrt
Baltic Dry Index - Das Wirtschaftsbarometer
Im Herzen der Londoner City, in unmittelbarer Nähe der Bank of England, ist eine der traditionsreichsten Institutionen der Schifffahrt beheimatet: The Baltic Exchange. Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 1744 als "Virginia and Baltick Coffee House". Hier trafen sich ursprünglich Händler und Schiffseigner, um Nachrichten auszutauschen und Geschäfte zu machen, d.h., die Händler suchten nach den passenden Schiffen für den Transport ihrer Waren, die Eigner suchten nach Fracht für ihre Schiffe.
Ihre weltweite Bedeutung verdankt die Baltic Exchange ihrer Funktion als Marktplatz für Frachtderivate (Freight Forward Agreements) und der börsentäglichen Veröffentlichung von detaillierten Informationen über den Seehandel mit Massengütern.
Baltic Dry Index (BDI)
Der Baltic Dry Index (BDI) ist der bekannteste der von der Baltic Exchange ermittelten Indizes. Seit 1985 wird er börsentäglich um 13 Uhr Londoner Zeit veröffentlicht. Er wird aus den standardisierten Angaben verschiedener Marktteilnehmer ermittelt und gliedert sich in folgende Indizes, die gleichgewichtet in die Berechnung einfließen:
- Baltic Capesize Index (BCI)
- Baltic Panamax Index (BPI)
- Baltic Supramax Index (BSI)
- Baltic Handysize Index (BHSI)
Diese Indizes berücksichtigen 29 Hauptschifffahrtsrouten und erfassen standardisiert die Kosten für Zeitchartern und Reisechartern im Massengutverkehr. Die verschiedenen Routen werden bei der Berechnung der Indizes abhängig von ihrer Bedeutung unterschiedlich stark gewichtet.
Beeinflusst wird der BDI u.a. durch die Nachfrage nach Rohstoffen, die Entwicklung der Bulkerflotte, saisonale Einflüsse und die Erwartungen der Marktteilnehmer. Aufgrund der Betrachtung einzelner Schifffahrtsrouten ergibt sich zwangsläufig eine gewisse Volatilität der Indizes, da die Einflüsse dort kurzfristiger Natur sind und sehr sensibel auf Schwankungen der Nachfrage und des Angebots auf den jeweiligen Einzelrouten reagieren.
Das Konjunkturbarometer
Der Baltic Dry Index ist nicht nur für die Schifffahrt von Bedeutung, viele Experten betrachten ihn auch als eine Art Konjunkturbarometer der Weltwirtschaft, denn Massengüter wie Eisenerz, Kohle, Bauxit, Aluminium und Phosphat sind wichtige Rohstoffe für die Industrie und stehen am Anfang der Wertschöpfungskette vieler Produkte.
Ein Beispiel: China ist mittlerweile zum größten Stahlproduzenten der Welt geworden, muss aber einen hohen Anteil seines Eisenerzbedarfs auf dem Seeweg aus Ländern wie Brasilien und Australien importieren. Steigen die Charterraten für Massengutfrachter auf diesen Routen, deutet das auf ein starkes Wachstum der chinesischen Industrieproduktion hin.
Baltic Dry Index und Zeitcharterraten
Für Schiffsfonds ist der BDI aufgrund seiner Zusammensetzung aus kurzfristigen Abschlüssen für bestimmte Routen nur sehr bedingt aussagefähig, da für Fondsschiffe in der Regel längerfristige Zeitcharter-Beschäftigungen von beispielsweise einem oder fünf Jahren geschlossen werden.
Die Charterraten für solche Beschäftigungen werden für die ganze Laufzeit fest vereinbart. Daher weisen die Charterraten für längerfristige Zeitcharterabschlüsse eine deutlich geringere Volatilität auf als der BDI, da bei den Abschlüssen solcher Verträge langfristige Markterwartungen einbezogen werden.
Ein Beispiel belegt diesen Zusammenhang anschaulich: Während der BDI seit Anfang des Jahres 2010 eine Schwankungsbreite von rund 20 % um seinen Mittelwert hatte, lag die Schwankungsbreite bei Ein-Jahres-Zeitchartern für Supramax-Bulker lediglich bei 7 %.